Die EU hat Steuerflucht zum Gipfelthema gemacht, jetzt geraten auch deutsche Konzerne in den Fokus: Der Blick in die Geschäftsberichte der Dax-Konzerne fördert fast 2500 Firmenbeteiligungen in Steueroasen zutage, von denen einige die deutschen Konzerne in Erklärungsnot bringen könnten.
Als Briefkastenfirmen kann man die unter der Adresse 1209 North Orange Street in Wilmington, Delaware, ansässigen Unternehmen wohl nicht bezeichnen.
Denn Briefkästen für alle hier registrierten Gesellschaften, laut "New York Times" sind es 285.000, hätten an dem einstöckigen Klinkerbau kaum Platz.
In dem Corporate Trust Center unterhält die Deutsche Bank Beteiligungen wie Deutsche Bank Securities Inc. oder Deutsche Investment Management Americas Inc. - in einer eigentümlichen Wohngemeinschaft mit Töchtern von Apple , Coca-Cola , Daimler und anderen Weltkonzernen ebenso wie bis vor Kurzem dem verurteilten Finanzbetrüger Timothy Durham oder einem wegen Zigarettenschmuggels belangten serbischen Geschäftsmann, der hier zwei Flugzeuge angemeldet hat.
Sie alle sind Kunden des Finanzdienstleisters CT, der zum niederländischen Fachverlag Wolters Kluwer gehört.
CT Corporation hat die Registrierung von Unternehmen zum Geschäftsmodell erkoren – und nirgendwo läuft es besser als hier in Wilmington, der 70.000-Einwohner-Stadt.
"Die Firmen existieren nur in der Schublade des Schreibtisches irgendeines Anwalts", sagt David Brunori, Jurist an der George Washington University in Washington. "Delaware ist ihr Briefkasten. Es gibt keinen Schreibtisch, keinen Stift, keine Sekretärin und nicht einmal Briefkästen."
Gerade einmal 917.000 Menschen leben in Delaware, gut zwei Stunden südlich von New York City. Doch der zweitkleinste Bundesstaat der USA nennt sich selbstbewusst "Unternehmenshauptstadt der Vereinigten Staaten". Schaut man sich die Zahlen an, haben die Marketingexperten Delawares recht:
Mehr als eine Million Unternehmen ist hier registriert, darunter 64 Prozent der 500 weltweit größten börsennotierten Konzerne.
Warum das so ist?
CT Corporation hat eine unverfängliche Erklärung dafür parat: "Firmen wählen Delaware wegen seines hervorragenden Unternehmensrechts, der erfolgreichen Anwaltschaft und dem wirtschaftsorientierten Gericht", teilt das Unternehmen per E-Mail mit.
Nach New Jersey trat in Delaware 1899 ein eigenes, unternehmerfreundliches Gesetz in Kraft.
Die Landesregierung senkte Steuern und baute bürokratische Hürden für Firmen. Als New Jersey unter dem damaligen Gouverneur Woodrow Wilson kurz darauf einen Rückzieher machte und viele Steuererleichterungen für Unternehmen abschaffte, liberalisierte Delaware weiter und warb national und international für den Standort.
Doch hinter so belanglosen Worten verbirgt sich de facto eine knallharte, aggressive Steuerpolitik.
Die wichtigste Regelung: Delaware erhebt für Holdings, die nicht vor Ort produzieren, außer einer jährlichen Registrierungsgebühr keine weiteren Unternehmenssteuern. Gewinne aus Lizenzen, Patenten, Marken- und Urheberrechten sind ebenfalls steuerfrei.
Hunderttausende Unternehmen haben deshalb in Delaware in den vergangenen Jahrzehnten Töchterfirmen gegründet.
"Sie rechnen ihre Steuerlast niedrig, indem sie Gewinne nach Delaware verschieben", sagt Jurist Brunori, "Sie kommen vor allem aus einem Grund: um anderswo Steuern zu sparen."
Anderen Staaten entgehen auf diese Weise jedes Jahr Steuergelder in Millionen-, wenn nicht Milliardenhöhe.
Kaum überraschend, dass Delaware in der Kritik steht – und auch ausgerechnet aus der eigenen Branche der Steuerparadiese.
Staaten wie die Cayman-Inseln oder Luxemburg kritisieren das Geschäftsmodell Delawares scharf.
"Delaware und Nevada sind Steuerparadiese und Paradiese für die Geldwäsche, diese müssen genauso trockengelegt werden", sagte die österreichische Finanzministerin Maria Fekter, die sich selbst so schwertut mit der Aufgabe des Bankgeheimnisses.
Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble prangerte ebenfalls jüngst die Doppelmoral der USA an. "Im eigenen Land sind die Amerikaner im Kampf gegen Steueroasen auch nicht so konsequent, wenn man an den Bundesstaat Delaware denkt", sagt er.
Der US-Kleinstaat am Delaware-Fluss lockt vor allem mit seinem liberalen Unternehmensrecht, das seit einem halben Jahrhundert im weltweiten Wettbewerb der Steueroasen nahezu ungeschlagen ist.
Einnahmen, die auf immaterielle Güter wie Markenrechte, Copyrights, Patentlizenzen oder Pachtgebühren zurückgeführt werden, bleiben steuerfrei - und die in Delaware (nicht) gezahlte Steuer kann zudem als Abschreibung in anderen US-Staaten genutzt werden.
Dank Doppelbesteuerungsabkommen bleibt der Vorteil auch beim Transfer des Gelds etwa nach Deutschland erhalten.
Genau auf solche Arrangements zur legalen Steuerflucht haben sich die Lenker der führenden Industriestaaten derzeit eingeschossen - wobei jeder auf die Fluchtburgen der anderen verweist.
Österreichs Finanzministerin Maria Fekter verteidigt ihr Bankgeheimnis mit dem Hinweis auf Delaware, US-Präsident Barack Obama schimpft über die britische Karibikkolonie Kaimaninseln.