IZ History: Lenin - Was tun? Rezension von Prof. Lefebre aus Berlin

Wladimir Lenin: Was tun?

Lenins „Was tun?“ ist eine parteiinterne Streitschrift aus den Anfängen der russischen Sozialdemokratie (1902), von der ihr Autor fünf Jahren später sagte, daß ihre „Übertreibungen“ vor dem Hintergrund der damaligen Auseinandersetzungen in der Partei gesehen werden sollten. Aber wer kennt diese Auseinandersetzungen, wem sagen Namen wie Subatow, Oserow oder Woronzow etwas, wen geht das etwas an?

Gewiß, Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), bekannter unter seinem konspirativen Decknamen Lenin, gehört zu den Politikern, für die man sich interessieren sollte. Denn die untrennbar mit seinem Namen verknüpfte russische Oktoberrevolution 1917 und ihre Folgen bestimmen unser Leben und setzten, anders als es eine kalifornische Philosophie will, nicht rücknehmbare Ausgangsbedingungen für die Zukunft, falls es eine geben wird. Ist deswegen „Was tun?“ als revolutionstaktisches Rezeptbuch von Interesse, zumal Lenin darin erstmals die Prinzipien des „demokratischen Zentralismus“ formulierte, die so berüchtigt wie unbekannt sind? Das wird nur erwarten, wer die in der Tat glänzenden taktischen und organisatorischen Fähigkeiten Lenins für den entscheidenden Punkt an den folgenreichen Ereignissen von 1917 hält. Sieht man dagegen in der Oktoberrevolution eine soziale Umwälzung, die ihrem geschichtlichen Rang nach mit den bürgerlichen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts verglichen werden kann, kommen andere Dimensionen des Politikers Lenin in den Blick: seine Fähigkeit, das Kräfteverhältnis der sozialen Klassen zu analysieren, den Kern der sozialen Widersprüche des Zeitalters zu begreifen, zu erkennen, welche Tore in die Zukunft in dieser Situation aufgestoßen, aber auch, welche Chancen verspielt werden können. Und es kommt in den Blick, daß dieser geniale Politiker ein Sozialrevolutionär war, ein herausragender Exponent einer der großen sozialen Bewegungen unserer Zeit, der Arbeiterbewegung.

 
 

Die Träger sozialer Bewegungen und Rebellionen, die ausgebeuteten Massen, haben in ihrer Not den Grund für ihren Kampf; aber wegen ihrer inferioren Lebensbedingungen verfügen sie nicht zugleich auch über die intellektuellen Voraussetzungen, um diesen Kampf aus eigener Kraft erfolgreich durchfechten zu können. Abtrünnige Intellektuelle aus den mittleren oder oberen Klassen scheinen – wie im Mittelalter die Ketzer oder in der Neuzeit die Ideologen – ihre geborenen Führer und Verführer zu sein. Keine soziale Bewegung zuvor besaß ein so klares Bewußtsein dieses Problems wie die moderne Arbeiterbewegung. Zwei Positionen standen und stehen sich in dieser Frage gegenüber, die spontaneistische und die expertokratische. Setzte die erste alles auf den Lernprozeß der Massen in ihrem Kampf, so letztere auf eine disziplinierte Organisation unter Anleitung erfahrener und zur wissenschaftlichen Analyse der gesellschaftlichen und politischen Prozesse fähiger Experten.

Lenins „Was tun?“ gilt als eines der autoritärsten Dokumente der zweiten Position. In der Tat ist darin vom Kampf gegen die Spontaneität die Rede, die nur zur ideologischen Beherrschung der Bewegung durch die Ausbeuterklassen führe; das revolutionäre Bewußtsein müsse „von außen“ in die Massen der Arbeiter hineingetragen werden. Da habt ihr’s! – Doch sachte: „Von außen“ – von wo und durch wen? Von und durch einen Teil der Arbeiterklasse selbst, ihren bewußtesten. Eine Phrase oder etwas Überlegenswertes?

Lenin kannte die spontaneistische wie die expertokratische Position als Fraktionspositionen seiner Partei, und er sah sie als bloßen Reflex der Tatsache an, daß sich am Beginn jeder Arbeiterbewegung sozialrevolutionärer Elan und die Fähigkeit, die Bedingungen und Möglichkeiten des Kampfes allseitig intellektuell zu durchdringen, unvermeidlich als Eigenschaften verschiedener Klassen gegenüberstehen. Um beides als Fähigkeiten der Arbeiterklasse nicht zu fordern, sondern es dazu zu machen, gibt es für Lenin keinen anderen Weg, als daß beides zunächst Charakteristikum eines Teils der Arbeiterklasse wird – nicht einer Elite dieser Klasse, sondern der Avantgarde ihrer Kämpfer. In der Herausbildung und Formierung dieser Avantgarde sieht Lenin den entscheidenden praktischen Vermittlungsschritt, damit die revolutionäre Theorie „die Massen ergreift“ (Marx) und so zur wirklich umstürzenden wird, zum im Kampf von den Massen angeeigneten und weiterentwickelten Mittel ihres Kampfes.

Dies ist der Kern der Parteitheorie Lenins, in „Was tun?“ zuerst formuliert und unberührt von all den Modifikationen, die Lenin in den späteren Schriften zur Parteifrage vornahm. Zumindest eines wird man dieser Theorie nicht absprechen können: Sie ist nicht einfach taktisch oder organisationstechnokratisch, sondern eine Antwort auf die in der Tat brennende Frage, wie der Teufelskreis zu durchbrechen ist, daß soziale Bewegungen unterdrückter Massen immer nur vor der Wahl zu stehen scheinen, ob sie an ihren Führern oder an ihrer Führungslosigkeit scheitern wollen. Ob Lenins Antwort überzeugt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Jene Frage jedoch, nicht aber irgendwelche Vorstellungen über eine wahrhaft demokratische oder wahrhaft proletarische Partei, scheint mir der angemessene Ausgangspunkt einer ernsthaften Kritik seiner Antwort.

Wolfgang Lefèvre

Wolfgang Lefèvre ist Professor für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Freien Universität Berlin.

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